Urgestein im All

Der Asteroid Lutetia könnte ein Überbleibsel aus der frühen Phase des Sonnensystems sein

27. Oktober 2011

Lutetia ist ein wahres Fossil: Einige Bereiche der Oberfläche des Asteroiden gehören mit einem Alter von etwa 3,6 Milliarden Jahren zu den ältesten des Planetensystems. Wegen seiner hohen Dichte ist Lutetia zudem ein Planetesimal, die erste Entwicklungsstufe auf dem Weg zu einem Planeten. Zu diesen Ergebnissen kommen Wissenschaftler unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung. Das Team hat Bilder ausgewertet, welche die Raumsonde Rosetta während ihres Vorbeiflugs an Lutetia im Juli 2010 aufgenommen hatte.

Der Asteroid Lutetia ist eine eigene kleine Welt – mit Kratern, tiefen Rillen und Bergketten. Die Forscher konnten sieben Regionen identifizieren, die sich aufgrund ihrer morphologischen Merkmale voneinander unterscheiden.

Auch die Verteilung der Krater auf Lutetias Oberfläche, die durch spätere Einschläge entstanden sind, spricht für einen kompakten Aufbau. Denn im Vergleich zu anderen Asteroiden treten besonders kleinere Krater mit einem Durchmesser von weniger als zehn Kilometern erstaunlich selten auf. Die Situation ähnelt dem Experiment mit einer Stahlkugel, die man mit großer Wucht entweder auf Beton oder in eine Sandkiste wirft. Da der lose Sand einen großen Teil der Aufprallenergie absorbieren kann, entsteht im Sand nur eine kleine Mulde. Im deutlich kompakteren Beton hingegen erzeugt derselbe Wurf einen großen Einschlag.

Die insgesamt sehr hohe Anzahl von Kratern ergab zudem, dass Teile der Oberfläche des Asteroiden bis zu 3,6 Milliarden Jahre alt sind. Denn je länger eine Oberfläche dem ständigen kosmischen Bombardement ausgesetzt war, desto mehr Krater weist sie auf. „Ob Lutetia auch erste Ansätze einer inneren Schichtstruktur besitzt, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit Sicherheit sagen“, meint Holger Sierks. Es spreche zwar einiges dafür; doch erst weitere Untersuchungen der gewonnenen Daten könnten hier Gewissheit bringen.

„Lutetia hat uns völlig überrascht“, so der Max-Planck-Forscher. „Anstelle eines einheitlichen, vergleichsweise unauffälligen Asteroiden haben wir eine eigene kleine Welt vorgefunden – mit einer komplexen Geografie.“ So entdeckten die Wissenschaftler auf den Bildern nicht nur riesige Krater mit Durchmessern von mehr als 55 Kilometern, sondern auch Anzeichen für Erdrutsche, tiefe Rillen und Bergketten. Insgesamt konnten die Experten sieben Regionen identifizieren, die sich aufgrund ihrer morphologischen Merkmale deutlich voneinander unterscheiden.

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An Lutetia vorbeigeflogen ist die Raumsonde Rosetta im Juli 2010 auf ihrem Weg zum Kometen Churjumov-Gerasimenko. Der Kleinplanet kreist im sogenannten Asteroidengürtel zwischen den Umlaufbahnen des Mars und des Jupiter um die Sonne. Rosetta startete 2004 ins All und soll ihr Ziel 2014 erreichen. Das Bordkamerasystem OSIRIS wurde unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung in Zusammenarbeit mit einem Team, an dem sechs europäische Länder beteiligt sind, entwickelt und gebaut. Es besteht aus einer Weitwinkel- und einer Telekamera. OSIRIS wird von Forschern des Max-Planck-Instituts betrieben.

BK / HOR

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